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Unser Einspruch gegen den Bebauungsplan 776/N Steinmetzstraße

Diesen Brief haben wir fristgerecht an die Stadtverwaltung geschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Initiative Gründerzeitviertel e.V. mit ihren 250 Mitgliedern steht dem Bebauungsplan sehr kritisch gegenüber. Wir sehen an vielen Stellen einen anderen Bedarf als den im Bebauungsplan definierten. Die vier offenen Wohnblocks, denen ca. 2001 durch den 4-spurigen Ausbau der Steinmetzstraße eine Seite genommen wurde, verdienen es wieder geschlossen zu werden.

Die Stadtverwaltung und die Politik haben an dieser Stelle eine besondere Verantwortung, denn es war eine der großen Bausünden unserer Stadt, ein historisches Wohnquartier für eine überdimensionierte Straße teilweise zu zerstören. Diese Wertung des Ausbaus der Steinmetzstraße wird heute von den meisten Experten bestätigt.

Die Initiative Gründerzeitviertel vertritt die Meinung, dass an dieser Stelle eine qualitativ hochwertige Bebauung realisiert werden muss. Unter diesem Begriff verstehen wir nicht teure oder exklusive Wohnungen, sondern eine Anpassung an das bestehende, historisch gewachsene Quartier. Folgende Anforderungen sollten idealerweise erfüllt werden:

  • Die gemischte soziale Struktur des Gründerzeitviertels soll durch die neue Bebauung gefördert werden
  • Die neue Bebauung soll (mindestens teilweise) familienfreundlich sein
  • Es soll kein zusätzlicher motorisierter Verkehr ins Viertel gezogen werden
  • Die neue Bebauung soll sich architektonisch an die Bestandbebauung (Jugendstil) anpassen
  • Die neue Bebauung soll den Bewohnern der Gebäude (besser noch: den Bewohnern des Viertels) ein kulturelles Angebot machen

Vom HBF kommend geht es bei dem zu bebauenden Gebiet um das „Eintrittstor“ zum Gründerzeitviertel! Ein zentrales städtisches Viertel, welches in den vergangenen Jahren nicht zuletzt dank unserer Arbeit eine Renaissance erlebt.  Den Medien und verschiedenen Umfragen bzw. Rankings zufolge befindet sich unsere Stadt zurzeit im Aufwind und wird immer mehr von Investoren nachgefragt. Vor diesem Hintergrund muss nicht eines der erstbesten Angebote eines Investors angenommen werden, wenn nicht ausreichende Qualität geliefert wird. Wir glauben, dass wir Mönchengladbacher einem Investor oder mehreren Investoren durchaus mehr Qualität abverlangen dürfen, auch wenn sich dadurch die Bebauung des Grundstücks möglicherweise etwas verzögert.
Unabhängig von unseren konkreten Einwänden gegen den vorgestellten Bebauungsplan (siehe unten) regen wir an, über folgende Vorschläge nachzudenken:

  • Wenn die zu bebauenden Grundstücke aufgrund ihrer teilweise sehr geringen Tiefe zu unattraktiv für Investoren erscheinen, warum wird nicht die Option in Betracht gezogen, die Steinmetzstraße um eine oder zwei Fahrspuren zu verkleinern. Die Dimension der heutigen Steinmetzstraße ist eindeutig zu groß. Vor dem Hintergrund, dass moderne Städte den motorisierten Individualverkehr reduzieren und alternative Verkehre (Gehen, Fahrradfahren) fördern um ihren Bewohnern mehr Lebensqualität zu bieten, wäre es konsequent, sich den „Fehler Steinmetzstraße“ einzugestehen und zu korrigieren. Dadurch gewännen die Grundstücke eine größere Tiefe und eine höhere Attraktivität für Investoren. Nebenbei wäre auch mehr Platz für den Geh- und Fahrradweg vorhanden.
  • Der Margarethengarten, bzw. die Arbeit des Waldhaus 12 e.V. u.a. auf dem Grundstück Ecke Steinmetz-/Eickener-/Margarethenstraße war unter sozialen Gesichtspunkten eine große Erfolgsgeschichte, deren Wert natürlich nur schwer an Zahlen festzumachen ist. Das Gründerzeitviertel gewinnt seinen Charme auch durch die starke soziale Mischung seiner Bewohner. Wir kämpfen dafür dass dies so bleibt. Auch wenn der Margarethengarten von Beginn an ein Projekt auf Zeit für die Zwischennutzung war, so würde dem Gründerzeitviertel/Eicken ein gutes Angebot für sozial schwache Menschen wegbrechen. Wir sind der Meinung, dass es einem Investor durchaus zuzumuten ist, für einen Ersatz dieses Angebotes Sorge zu tragen – möglicherweise zusammen mit dem Waldhaus 12 e.V. und in welcher Form auch immer. In anderen Städten ist es durchaus üblich, dass Investoren auch für Spielplätze und/oder ein kulturelles Angebot sorgen müssen.
  •  Alle drei Grundstücke (West, Mitte, Ost) sollen in einem Rutsch bebaut werden. Wir sind für eine kleinteilige Entwicklung des Gebietes mit mehreren individuell gestalteten drei- bis viergeschossigen Townhouses mit Gärten welche nach und nach gebaut und bezogen werden. Ein solches Konzept entspricht dem Gründerzeitviertel als langsam gewachsenes Wohnviertel für Klein- und Großfamilien. Was spricht in diesem Zusammenhang gegen einen ökologischen bzw. nachhaltigen Ansatz, der im Bebauungsplan festgelegt wird? Stichwörter dazu sind, z.B. Niedrigenergiehäuser, vertikale Gärten, Green Building, etc.
  • Was spricht dagegen, das Grundstück „Mitte“, welches wegen seiner geringen Tiefe das für Investoren unattraktivste der drei Grundstücke gar nicht zu bebauen, sondern als kleinen Park anzulegen mit einer „gründen Grenze“ zur Steinmetzstraße? Natürlich entfällt ein Verkaufserlös für die Stadt und ein Park muss gepflegt werden. Eine kleine grüne Oase würde an dieser Stelle aber für deutlich mehr Lebensqualität sorgen, vor allem vor dem Hintergrund der Lärm- und Staubemissionen, der Flächenversiegelung, sowie der Schattenbildung während einer Hitzeperiode (Verhinderung einer Überhitzung der Innenstadt).
  • Wir empfehlen, den Bebauungsplan in einem offenen Bürgerprozess zu erarbeiten – siehe Umbau Schillerplatz. Durch einen offenen Prozess erhält ein solcher Plan deutlich mehr Substanz und einen viel höheren Identifikationsgrad.

Konkret legen wir zum Bebauungsplan 776/N folgende Einwände vor:

1.3 und 2.6: Grundlage des Verfahrens
Wir sehen einen Widerspruch in der Aussage, dass der vorliegende Bebauungsplan … nicht in einem sachlichen, zeitlichen und räumlichen Zusammenhang mit anderen Bebauungsplänen, durch die in Summe ggf. eine Grundfläche über 20.000 qm erreicht werden könnte (steht). Man sollte an dieser herausragenden Stelle einen gemeinsamen Bebauungsplan für die umliegenden Straßen und Gebiete beschließen, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass das angrenzende Haus Westland in naher Zukunft angegangen wird (siehe Punkt 3.1: „Der Bereich soll zukünftig umfassend neu geordnet werden.“) und die Stadt ein angrenzendes Grundstück bebauen will. Ein weiteres angrenzendes Grundstück ist schon verkauft und auch dort wird in naher Zukunft gebaut. Von daher sehen wir eine großen Bebauungsplan, der den Bahnhofsvorplatz und damit auch die Ideen und Maßnahme „G9a Hauptbahnhof – Europaplatz “des MG 3.0 mit einbezieht.

2.2: Flächennutzungsplan
Eine Änderung der Flächen von einem Kerngebiet in ein Kern- und Mischgebiet ist an dieser Stelle nicht sinnvoll. Im Umkreis von 500 Metern gibt es ausreichend Nahversorger und auch genug Flächen für Gewerbebetriebe. Wir sehen die städtebauliche Ordnung innerhalb des Stadtgebiets zwar auch nicht gefährdet, jedoch den Mikrokosmos des fast ausschließlich als Wohngebiet genutzten Gründerzeitviertels.

2.6: Stadtentwicklungskonzepte
Dem Areal gegenüber liegt der  zentrale Versorgungsbereich „A1-Zentrum Mönchengladbach“. Da das Gebiet selber nicht mehr dazu zählt sprechen wir uns auch gegen eine großflächige gewerbliche Nutzung aus. „Der Bedarf an Versorgungsgütern kann im angrenzenden Versorgungsbereich voll gedeckt werden.“ siehe Punkt 3.4

3.1: Städtebauliche Struktur
Um die städtebauliche Struktur aufzunehmen sehen wir die Gebäude Sittardstraße 38 und Schillerstraße 31 als Teil des Plangebietes. Diese Bestandsgebäude sollen wie die anderen Bestandsgebäude im Bebauungsplan nicht abgerissen werden, die dort vorhandenen Strukturen erhalten und aufgenommen werden.

„Südöstlich der Steinmetzstraße werden die Flächen zwischen der Sittardstraße, der Schillerstraße und der Humboltstraße im Wesentlichen durch das „Haus Westland“ eingenommen, welches die gesamte nordwestliche Fassade des Europaplatzes bildet. Untergeordnete Flächenanteile in diesem Bereich sind im Bestand unbebaut. Der Bereich soll zukünftig umfassend neu geordnet werden.“ Aus diesem Grund ein großer Bebauungsplan, siehe Punkt 1.3 und 2.6.

3.61. und 3.6.2: Lärm und Luftqualität
Wir sehen eine erhebliche Beeinträchtigung durch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und damit verbundene Minderung der Luftqualität. Im Plangebiet wird eine umfangreiche Versiegelung erlaubt und sogar auf Grund zu hoher Bebauung von Gärten und Innenhöfen abgeraten. Somit wird dieser Effekt zusätzlich verstärkt.

3.8.1. Baudenkmalpflege
Das Gründerzeitviertel besticht durch seine gewachsene kleinteilige Struktur. Wir sehen sehr wohl eine Auswirkung des Bebauungsplans auf die Baudenkmäler wenn eine große fast 300 Meter lange Einheitsstruktur entsteht. Wir sprechen uns für eine Kleinteiligkeit und Aufbrechung einer großen Struktur aus. Geschosshöhen und Fassaden sollten dem Charakter angepasst werden.

5.1 Art der baulichen Nutzung
Das Baugebiet West liegt nicht mehr im Versorgungsbereich „A1- Zentrum Mönchengladbach“. Der Einzelhandel von 1.200 bis 3.000 qm BGF ist an dieser Stelle nicht zulässig und ein Versorger nicht notwendig, da im Umkreis von 500 Metern mindestens drei angesiedelt sind. Eine Umwandlung von Misch- in Kerngebiet ist nicht gewünscht und nicht sinnvoll.

5.2.1 Zulässige Grundfläche
Die GRZ von 1,0, 0,9 und 0,6 entsprechen einer zu hohen Versiegelung der Flächen. Sollten diese umgesetzt werden fordern wir einen ökologischen Ausgleich z.B. durch Fassaden- oder Dachbegrünung.

5.2.2 Geschossigkeit, Höhe baulicher Anlagen
Wie schon beschrieben möchten wir im Baufeld West die bestehenden Gebäude in das Planungsgebiet einbeziehen und die Neubaumaßnahem an die Höhe und vor allem Dachform anlehnen. Die Höhen von fünf bis sechs Vollgeschossen halten wir mit Blick auf den Bestand für zu hoch. Er bricht das Bild und sorgt für eine erhebliche Verschattung. Dies geht einher mit der Abweichung der einzuhaltenden Abstandflächen. Eine Beeinträchtigung dadurch erst Bebauungsplanaufstellungsverfahren zu ermitteln ist nicht bürgernah.

5.5 Tiefgaragen
Die Zufahrten zu den Tiefgaragen ausschließlich über Seitenstraßen zu regeln entspricht nicht dem Konzept der Verkehrsberuhigung des Gründerzeitviertels. Die Routen Kaiser-, Sittard- und Margarethenstraße eignen sich nicht für eine Mehrbelastung, schon gar nicht wenn ein großer Einzelhandel entstehen darf. Da schon jetzt eine Belastung durch Verkehrslärm erkennbar ist (5.8) müssen hier andere Verkehrskonzepte entwickelt werden. Auch die Lufthygiene, welche „Vorbelastet“ ist wird negativ beeinflusst.

5.9.1 Anpflanzen von Bäumen, Sträuchern und sonstigen Bepflanzungen
Diesem Punkt müssen wir auch widersprechen. Eine niedrigere Geschosshöhe oder eine Fassadenbegrünung verbessern das Klima, die Akustik und die Luftqualität.

6 Umweltbelange
Es ist richtig, dass innerhalb des Planungsgebietes keine Baudenkmäler liegen. Es grenzen jedoch direkt und indirekt mehrere Denkmäler an das Planungsgebiet. Die Maßnahme beeinträchtigt damit auch diese.

Wir hoffen, unsere Einwände finden Ihr Gehör und werden aufgenommen. Uns geht es nicht darum, Investoren zu vergraulen. Dennoch würden wir es vorziehen, noch einige Zeit mit der Brachfläche an der Steinmetzstraße zu leben und auf einen geeigneten Investor warten, als eine rein zweckmäßige Bebauung an dieser Stelle ertragen zu müssen. Die vorgestellte Visualisierung ist für uns alleine schon aus Gründen der Gestaltung, der Geschosshöhe und der Form der Dächer abzulehnen.

Gerne stehen wir für ein Gespräch zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen

Initiative Gründerzeitviertel e.V.

3 Kommentare

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  2. Elke Eßer sagt

    Stefan, Deine Argumentation zeugt von ziemlicher Sachkenntnis und ich finde, die Stadt sollte sich sehr ernsthaft damit auseinander setzen. Dazu ist sie jetzt faktisch gezwungen und man kann gespannt sein auf die weitere Entwicklung. Aber am Beispiel unseres Schillerplatzes sieht man doch, was alles möglich ist ! herzlichen Dank für Dein Engagement. LG, Elke

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